Freitag, 19. Februar 2010

Jenseits der Kochtöpfe, oder: Über das Weinen (vor dem Fernseher)

Um eines gleich klarzustellen: Bei “Jenseits von Eden” vergoss ich keine einzige Träne. Jenseits aller Kochtöpfe heule ich jedoch regelmäßig vor dem Fernseher. Nicht bei Kochsendungen, obwohl ich viele davon zum heulen finde. Nein. Das ist ein blöder Anfang, also noch mal von vorne.

Im wirklichen Leben weine ich eher selten, und wenn, so geschieht das in 102% aller Fälle vor Wut. Ja, ja, es gibt einen Menschen, der mir mitunter heiße Zornestränen in die Augen treibt. Natürlich verrate ich hier nicht, wer das ist. Und natürlich bist Du sehr einfältig, und kommst nicht darauf, wen ich meine.

Vielleicht fragst Du Dich, wie ich hier überhaupt auf dieses Thema komme, wo ich doch eigentlich Ravioli mit Ziegen-Ricotta posten wollte? Ich sage es Dir: Ich habe gerade wieder hemmungslos geflennt. Im Lädchen, in Herrn Peppinello’s Küche.

Nein. Nicht was Du jetzt denkst. Der Herr Peppinello war gar nicht anwesend. Ausnahmsweise traf ihn keine Schuld. Aber: Er hat in seiner Küche so einen kleinen portablen Fernseher. Da ich allein war, und einiges für ein Fest am morgigen Tag vorbereiten musste, schaltete ich das Ding ein. Schrott auf allen Kanälen. Nach mehrfachem Umschalten landete ich auf “Phoenix”. Dort lief die x-te  Wiederholung der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Kanada. Oh oh. Das habe ich schon ein paar Mal angeschaut. Und jedes Mal geheult.

 

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Bescheuert, oder?  Schon kurz nach Beginn der Übertragung betreten das erste Mal die kanadischen Ureinwohner in traditioneller Indianer und Ainu Kleidung das Stadion, und heißen die Menschen Willkommen. Ich beginne zu schlucken.

Später wird zu bombastischer Musik gefiedelt und getanzt und ich flenne. Das schiebe ich auf die Zwiebeln, die ich gerade schneide (“Augenzwiebeln” nennt der kleine Peppinello die.) Als die georgischen Sportler einziehen bin ich allerdings schon beim Würzen der Auberginenscheiben, die Zwiebelausrede fällt weg, und ich weine wie verrückt. Bei der späteren Schweigeminute aus gegebenem Anlass auch. Dann kommen die Kanadier. Ich weine erneut, und frage mich insgeheim, ob ich noch ganz bei Trost bin. Irgendwann kriege ich mich wieder ein. Nämlich ausgerechnet als die Olympische Flagge gehisst wird. Die kanadischen Ranger (sind das Ranger?), in ihren roten Jacken und depperten Kopfbedeckungen sehen komisch aus. Sie werden begleitet von der Sängerin Measha Brueggergosman (was für ein Name!!!). Und so sieht die Frau dann auch aus. Sie trägt eine güldene Abendrobe. Schulterfrei und ärmellos. Dramatisch hebt sie immer wieder die Hände gen Himmel. Dabei wabbelt das viele Fleisch an ihren Oberarmen wie wild. Außerdem hat sie eine ganz wirre lange Kraushaarmähne (Afro-XXL). Ich denke kurz daran, dass sie sich gleich die Kleider vom Leib reißt, um dann wie Lady Godiva auf einem Pferd durch die Mengen zu galoppieren. Kurzzeitig erlebe ich einen Heiterkeitsausbruch, der sich jedoch bald wieder legt. Ich heule erneut, als Wayne Gretzky das Olympische Feuer entzündet.

Am Ende der Übertragung überlege ich, was wohl nicht mit mir stimmt. Das mit der Heulerei vor dem Fernseher war nicht immer so. Irgendwann hat es sich eingeschlichen. Als Kind und später Halbwüchsige weinte ich nie. meine Freundinnen vergossen bittere Tränen bei “Dirty Dancing” (….mein Baby gehört zu mir…) und schluchzten um die Wette mit Ryan O’Neal bei “Love Story”. Ich nicht. Soweit ich mich erinnere weinte ich lediglich bei “Roots” und “Holocaust”. Bitterlich. Nie bei Spielfilmen. Bis auf ein einziges Mal. Und das war noch nicht mal ein Spielfilm mit bekannten Hollywood-Größen sondern Zeichentrick. Und ich war kein Kind mehr, sondern schon Anfang Zwanzig. Ich schluchzte wie verrückt, als “Feivel, der Mauswanderer” völlig durchnässt auf Manhattan-Island strandete. Unter der viel zu großen Mütze seines Vaters hustete er und weinte. Immer wieder rief er verzweifelt nach seinem Papa.

 

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Da kriegte ich mich nicht mehr ein. Am liebsten hätte ich den kleinen Mäuserich adoptiert. Ich weiß, dass Du mich sowieso für ein wenig seltsam hältst. Und wahrscheinlich glaubst Du jetzt, ich wäre völlig plemm-plemm, oder? Danach habe ich nie mehr bei Filmen geweint. Tragische Szenen in Liebesfilmen lösen bei mir eher Belustigung aus.

Das regelmäßige Heulen vor dem Fernseher stellte sich bei mir, soweit ich mich erinnern kann, mit Mitte Zwanzig ein. Jeder Sender brachte Berichte über die grauenhaften Zustände in rumänischen Waisenhäusern. Ich weinte und konnte nachts nicht schlafen. Ich glaube, dass ging jedoch nicht nur mir so, oder?

Andere Gelegenheiten, bei denen mir die Tränen liefen, waren die ersten Berichte von der innerdeutschen Grenzöffnung. Ich flennte vor Rührung, und hätte am liebsten jeden Menschen der rüberkam zuhause aufgenommen. (Einziges Manko wäre die Sprachbarriere gewesen, denn der Herr Peppinello hätte einen Sächsisch-Kurs belegen müssen…)

Apropos. Den Herrn Peppinello habe ich ein einziges Mal bittere Tränen vorm Fernseher vergießen sehen. Sogar stundenlang. Ach was. Tagelang. Angefangen hat er am 3.Juli 1990. Da verlor Italien im eigenen Land das WM-Halbfinale gegen Argentinien. Und Deutschland wurde Weltmeister. Der Super-Gau!

Ansonsten fällt das Flennen bei Sportübertragungen eher in mein Ressort. Ich heulte wie ein Schlosshund, weil Roberto Baggio 1994 gegen Brasilien den letzten Elfmeter verschoss. Natürlich flossen bei mir die Tränen, als Muhammad Ali 1996, schwer von seiner Krankheit gezeichnet, bei den Olympischen Spielen in Atlanta das Feuer entzündete. Auch damit war ich sicher nicht allein. Außerdem flennte ich minutenlang vor vielen Menschen, als Andre Agassi 2006 unter Standing Ovations weinend bei den US-Open seine Karriere beendete. Vor Wut weinte ich außerdem, als die Punktrichter den Legendären Fight zwischen Henry Maske und Graciano Rocchigiani zugunsten des “Gentleman-Boxers” entschieden.

 

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Wann ich noch geheult habe vorm Fernseher? Tja. Viele Male. Fassungslos am 11. September. Natürlich. Und warte Mal, natürlich habe ich mit Elton John geheult. Bei der Trauerfeier für Lady Diana. Ergreifend und todtraurig zugleich sah ich (ebenfalls mit Tränen in den Augen), wie Papst Johannes Paul II zum Millennium krank und altersschwach die Heilige Pforte öffnete. Später weinte ich, als er starb. Während der gesamten Trauerfeier. Und dann weinte ich vor Rührung, als feststand, das Barack Obama Präsident der USA wird. Ich weinte während der Übertragung der Amtseinführung, und die kleinen Peppinellis glaubten, ich sei verrückt geworden.

Bin ich verrückt? Wen interessiert’s. Pah. Ich weine, wann und wie ich will. Vorzugsweise vorm Fernseher.

Kommentare:

  1. Bei Feivel hab ich schon als kleines Kind voller Inbrunst geheult. "Aaine naie Mieeetze" heißt der Film bei uns im Familienslang. Das Feuerwerk entschädigt aber für alles.

    Überhaupt bin ich eine großer vor dem Fernseher Heuler. Nicht erst, seit ich 20 bin. "Die Letzten Glühwürmchen" lässt mich der Liebste z.B. gar nicht kucken, das ist großes Heulkino. (http://de.wikipedia.org/wiki/Die_letzten_Gl%C3%BChw%C3%BCrmchen)

    Ich glaube, wir sind ganz normal. :)

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  2. ja, ich denke Evi hat recht. wir sind alle normal. schlimm wird´s, glaub ich, erst wenn wir nicht mehr wegen irgendwas "rührendem" oder "ergreifendem" heulen. denn wenns erst soweit ist sind alle emotionen tot. und das wär dann der "supergau"

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  3. 10* gesehen, 10* zum Schluß geheult: "Schlaflos in Seattle" - warum eigentlich?
    Und bei Jenseits von Afrika - wenn der schöne Robert R. stirbt ... heul ...

    Auch ich gestehe, ich bin ein Fernseh- und Wutheuler! Immer! Immer öfter.

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  4. wenn Frauen weinen werden Männer hilflos.

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  5. Pepinella - ich glaube so geht es uns allen... bei mir öffnen sich auch manchmal die Schleusen wenn es keiner erwartet und in andren Situationen reicht man mir ein Taschentuch und ich bin völlig verwirrt weil da kullert nicht eine Träne.... ein ergreifender Bericht - von Herzen und ehrlich... schön... als Halbkanadier bedeutet mir diese Emotion nochmehr!

    PS: die kanadischen "Ranger" sind Mounties (Royal Canadian Mounted Police (RCMP))

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  6. Ja, ich bin auch nah am Wasser gebaut. Und tragische Einzelschicksale in einer Dokumentation bescheren mir ebenfalls viele Tränen und Albträume. Aber auch traurige Filme oder Bücher. Und bevor ich ein Buch komplett lese, lese ich immer vorher das Ende und wenn es traurig ist, wird es zur Seite gelegt und nie mehr in die Hand genommen. Bei Filmen und Dokus geht das ja leider nicht...

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  7. Hemmungslos geheult hab ich als Kennedy erschossen wurde und ich weiß heute noch wo ich grad war und was ich getan hab, natürlich x-mal wegen Lady Di und in vielen ähnlichen Situationen. Und "große" Ereignisse wie die bei der Olympiade können mich auch zum Flennen bringen. Ist mir immer urpeinlich!

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  8. Wenn dann heulen wir zu viert: bei Momo, die Kinder des Monseur Mathieu...Ich kann aber auch bei Büchern weinen, total. Ich habe neulich wiedereinmal das Geisterhaus gelesen und wieder losgeheult.

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  9. Bei mir kam das Heulen mit dem Alter, da ist man immer näher am Wasser gebaut. Anlässe siehe Peppinellas Bericht, dto.

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  10. Wieviel Platz habe ich?

    Zunächst einmal: Du hast Shane Koyczan vergessen. Den dicken Mann, der alleine während der Eröffnungsfeier auf diesem Turm stand und "We are more", sein Kanada-Gedicht, rezitierte. Ich habe noch gestern darüber geweint und ich schaue es mir jeden Tag auf youtube an und auch jetzt... lassen wir das.

    Begonnen hat alles irgendwie mit Bambi. Wenn Bambis Mutter stirbt... ich darf nicht daran denken. Es muss bei mir mit den Hormonen gekoppelt sein, je älter ich werde, desto häufiger fließen die Tränen. Schweinchen Babe zum Hütehund "Darf ich Mama zu dir sagen?". Ich in der S-Bahn, "What I loved" von Siri Hustvedt lesend und irgendwann in Tränen aufgelöst, neben meinem konsternierten Mann sitzend. "Das Leben ist schön", "Jenseits von Afrika". Ich, auf der zugefrorenen Alster, spazierengehend, mit einem schon wieder konsternierten Mann neben mir. Sonnenuntergänge, Erinnerungen an früher, Erinnerungen an gestern, Gedanken an die Zukunft, die Gegenwart und den ganzen Rest, Gedanken über Kranke, Familie, Arme, Ausgegrenzte, Bettler in der Fußgängerzone, vor allem im Winter.... diese Liste lässt sich unendlich fortsetzen.

    Und früher? Pah! Ich doch nicht! Und aus Wut nie. Weder früher noch heute. Außer - s. u.

    Ach ja, Diana... oh Gott, tagelang! Und heute immer noch, wenn eine Wiederholung läuft. Der Film "Die Queen" vor ein paar Tagen im TV, dito.

    Als Schalke im letzten Moment NICHT Meister wurde, sondern die Bayern schon wieder, aaahhh. Da war schon auch ein wenig Wut dabei.

    Peppinella, da haste wieder was angerichtet! Und wen du meinst mit Demjenigen, der dich vor Wut heulen lässt, da komme ich ü-ber-haupt nicht drauf. Haste richtig vermutet, da bin ich wirklich ziemlich einfältig ;-)

    Ich drück' dich - aber nicht weinen!

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  11. mariechenspaps sitzt neben mir - Olympia schauend - und ich versuche mit dem Vorlesen von kleinen Texten aus der Bloggerwelt auf mich aufmerksam zu machen. Und dann stoße ich hier auf Deinen Text zur Eröffnungsfeier von Vancouver. Wir haben Tränen gelacht. Ja, da heulen wir mitunter auch schon, weil wir angerührt sind. Und mein Mann war ganz perplex: Das sind ganz genau die Stellen.... (wo auch er geheult hat). Er gestand mir eben, dass es bei ihm schon mit 6 Jahren anfing: Als Täve Schur 1960 Bernhard Eckstein zum Weltmeistersieg geführt hat... (Was ist da denn schief gelaufen?) Ach was soll's. Zuletzt heulten wir beide herzzerreißend bei Mamma mia... (ob wohl Mariechen auch bald heiraten wird?)
    Liebe Grüße aus Berlin

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  12. Ich bin außer bei traurigen Tierfilmen und Real-Life Dramen eigewntlich relativ immun gegen Tränen vor'm Fernseher. Bis auf letzte Woche. Da hat mir der Film 'Kirschblüten' den Rest gegeben. Ich hab' geflennt, so dass selbst mein Herr Schatz Mühe hatte, den Tränenfluss zu stoppen (auch wenn er es ja eigentlich eher belustigend findet, tut er mir den Gefallen und tröstet mich in solchen Lebenslagen...).

    Siehst Du? Du bist nicht allein! Solange nix in's Essen tropft musst Du Dir also keine Sorgen machen ;o)

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  13. Ich habe meinem Arzt davon erzählt. Von dem Weinen. Er tippte auf Schilddrüse. Die Untersuchungen ergaben: Bingo!

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