Warum? Weil mir dieses Getue um Halloween richtig gegen den Strich geht. Es stinkt mir. Nicht nur, dass ein Großteil der Bevölkerung Deutschlands schon seit längerer Zeit zu blöd ist, die eigene Sprache zu sprechen. Überall Anglizismen. Man ist “straight” oder “tough”, “strange” oder einfach nur: behämmert. “Outsourcen” sollte man diesen ganzen Schwachsinn. Inklusive Halloween, welches ja noch nicht mal amerikanisch ist, sondern keltisch. Ich bin jedoch davon überzeugt, dass nicht alle, die in den letzten Tagen Zierkürbisse und Gruselmasken zuhauf eingekauft haben, das wissen. Bei Peppinellis gibt es kein Halloween. Wenn die kleinen Peppinellis mit bunten Lichtern durch die Straßen laufen, und für Süßigkeiten an fremder Leute Türen bimmlen wollen, dann müssen sie bis zum Martinstag warten. Wenn sie sich verkleiden wollen, dann erlaube ich ihnen das an Karneval.
Gestern war bei den Evangelischen (einer hierzulande verbreiteten Sekte) Reformationstag. Bei uns gläubigen Christen ist heute Allerheiligen. Punkt. Halloween. In Italien heißt der 1. November “Ognissanti”. Darauf folgt, am 2. November “la festa dei morti”. An diesen Tagen sieht es bei meiner Schwiegermutter aus wie in einem Mausoleum. Überall stehen Kerzen, und davor die teilweise schon recht vergilbten Fotos von den Verstorbenen der Familie. “Inizia la stagione dei morti”, sagt sie. Die tote Jahreszeit beginnt (und endet am 1.Advent). Oma Peppinella hält sich strikt an alle alten Bräuche, So werden vor dem 1.November alle Decken, Kissen, Bettücher, Gardinen usw. die in Gebrauch sind gewaschen, egal ob nötig, oder nicht.
In ihrer Heimat wurde an diesem Mittag früher nicht richtig gekocht, erzählt sie, denn man musste um elf zur Messe und auf den Friedhof. Am Nachmittag bekamen die jungen Damen, die schon “fidanzate in casa” (verlobt) waren, Besuch von ihren Zukünftigen. Natürlich war immer die ganze Familie dabei. Der Schicklichkeit halber. Der junge Neapolitaner überbrachte am 2. November seiner Angebeteten eine Süßigkeit: “Torrone dei morti”. Und das bereite ich heute vor. Wir essen bei meiner Schwiegermutter. Ich habe versprochen Torrone mitzubringen. Und Trippa für den Abend, aber das gehört jetzt nicht hierhin.
Zutaten:
- 200g dunkle Blockschokolade
- 400g weiße Blockschokolade
- 200g Nougat
- 200g geschälte Haselnüsse
Die bittere Schokolade löse ich im Wasserbad auf. Dann pinsele ich eine Kastenform damit einem Teil davon ein –Wände und Boden- und stelle die Form einige Minuten in den Kühlschrank. Das wiederhole ich 3 bis vier Mal. Das ergibt die “Hülle” für meine Nougatfüllung. Also, weiter. Kastenform für das Erste in den Kühlschrank.
Als nächstes löse ich die weiße Schokolade und den Nougat im Wasserbad auf und rühre die Nüsse unter. Es riecht überall im Haus nach Schokolade. das lockt die kleinen Peppinellis an., welche mir ab diesem Zeitpunkt im Weh stehen, und immer die Finger in die Schokolade tauchen wollen. Dann fangen sie an die Haselnüsse zu stibitzen. “Flossen weg,” kreische ich. (Hinter mir fuhrwerkt der Herr Peppinello an der Kitchen Aid rum. Nein. Er kocht nicht. Er versucht, den Knethaken zu lösen, den ich irgendwie verkeilt habe. “Wie man das schafft, das musst Du mir mal erklären”, brummt er immer wieder. Wir streiten schon den ganzen Morgen deswegen.) Ich versuche alle Peppinellis auszublenden, und arbeite weiter.
Ich hole die Form mit der mittlerweile festgewordenen Blockschokolade raus. Dann füge ich die Nougat-Schokoladenmasse mit den Haselnüssen hinzu. Fertig. Das Ganze muss nun noch mal ein paar Stunden in den Kühlschrank, bevor es aufgeschnitten werden kann. Ich bereite in der Zwischenzeit die Trippa alla fiorentina vor. Der Herr Peppinello hat den Kampf gegen den Knethaken immer noch nicht gewonnen und flucht. Wir reden kein Wort miteinander. Genauer gesagt 3 Stunden nicht. Er hat den Knethaken immer noch nicht gelöst. ich habe zwischenzeitlich im Internet gelesen, dass das passieren kann. Nicht zwingenderweise, kann aber. Die Maschine hat noch Garantie, morgen bringe ich sie zum Händler. mal sehen. Zurück zum Torrone. Ich muß nun den Herrn Peppinello gezwungenermaßen ansprechen, denn ich traue mich nicht, den Torrone aus der Form zu lösen. Ich abe Angst, dass er mir zerbricht. Mein Bäcker kann sowas besser als ich. Und er tut es dann auch. Schweigend und böse dreinblickend.
Später essen wir es bei meiner Schwiegermutter. Vorher serviert sie uns aber erst mal das Mittagessen. Der Herr Peppinello greift unter dem Tisch nach meiner Hand. Ich will zunächst die beleidigte Primadonna spielen, entscheide mich dann aber anders.
Als wir den Torrone aufschneiden spricht meine Schwiegermutter von früher.(Sie tut das gerne, ich auch). Agostino, so heißt mein Schwiegervater, und sie waren verlobt, und er machte den besagten Anstandsbesuch an Allerheiligen. Nachdem Maria das Päckchen mit dem Torrone auf dem Schoß hielt, züchtig zwischen ihren Brüdern sitzend, da stellte sich dieser Lümmel hinter sie, hob ihr Kinn an, und küsste sie mitten auf den Mund. Während sie das heute erzählt, schaut sie ihn grimmig an und schimpft: “Ma per che cosa mi hai pigliato?” (Für was hast du mich eigentlich gehalten?)…Oh Mann, nach fast 50 Jahren Ehe. Ich summe: “Femmene….tu si ‘na malafemmene” und sie schlägt mit einem Geschirrtuch nach mir.
Ich liebe sie. Weil sie so ist. So herrlich von gestern. Sie kennt kein Halloween. Und keine Anglizismen.

