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21. Dezember 2009

Nachgekocht. Das Leben macht Spaß mit Demi Glace oder: über das Streiten mit dem Herrn Peppinello

Der Herr Peppinello und ich haben Streit. Du sagst jetzt: “Wie? Ist das was Neues?”

Nein, ist es nicht. Eigentlich komme ich aus mehreren Gründen auf dieses Thema. Die von mir sehr geschätzte Kaltmamsell sagt in ihrem Blog, dass Sie und der Herr Kaltmamsell (heißt der eigentlich Kaltmonsieur?) nicht streiten, weil sie streitunfähig sind. Gleichzeitig zählt sie aber einige Vertreter des heftigen häuslichen Streites auf, und Du darfst jetzt mal raten, wen sie dabei erwähnt…Ja, ja….Peppinella, die Meisterin des Ehestreites. Natürlich muss ich beim Lesen grinsen. Obwohl: Es stimmt. Streit liegt bei uns immer in der Luft. Etwaige Anlässe sind völlig nebensächlich, Grund gibt es immer. Ein gehauchtes: “Du, darüber müssen wir mal reden…” käme mir niemals über die Lippen.

Nein. Attacke. Immer. Volles Programm. So auch gestern.

(Ich komme jetzt gleich zur Demi Glace, einen Moment Geduld bitte.)

Vorher muss ich aber noch kurz was zum Listenfieber sagen. Das ist wohl so eine Art Virus, der hier in der Blog-Szene die letzten Tage grassiert. Alle outen sich (ich auch). Alle sind Listenschreiber. Ich hasse Listen. Berufsmäßig muss ich ständig welche führen. Einkaufslisten, Gästelisten, Menülisten, Sitzordnungen, Tischordnungen, To-Do-Listen. Im privaten Bereich kommen Stundenpläne, Hockey- , Tennis- und Fußballpläne/Listen der Kinder hinzu.

Die einzige Liste, die ich nur für mich ganz allein führe, ist meine Nachkochliste. Und hier fängt der Streit an. Der häufige  häusliche. Mit dem Herrn Peppinello. Diese Nachkochliste und das Internet führen dazu, dass der Herr Peppinello mich der Vernachlässigung seiner Person bezichtigt.

“Soll ich lieber abends mit Dir auf dem Sofa sitzen?” frage ich harmlos. Er guckt komisch und fragt zurück: “Wieso?”

“Ich könnte mit Dir Fußball im TV anschauen”, schlage ich vor, “dabei könnte ich mit meinen Stricknadeln, die Dich so nerven klappern. Ab und zu könnte ich bei spannenden Szenen dazwischen reden. Ich könnte Dich fragen, ob der schöne Luis Figo noch irgendwo spielt. Oder Dir mitteilen, dass Gigi Buffon die blauesten Augen der Welt hat. Und dass ich Fabio Cannavaro für ein echtes Schnuckelchen halte….alles während der Champions League…”

Der Herr Peppinello wirft ein: “Du gehst mir auf den Geist. Du und Deine Kollegen da.” (Mit “Kollegen da” meint er Dich. Er sagt außerdem, dass ich immer schon nervig war. Aber neuerdings nur noch über das Kochen und das Bloggen rede. Die Vorstufe beleidigten Leberwurst stellt sich bei mir ein. Ein bisschen.

Ich sage: “Xy hat dies und jenes gekocht. Das muss ich auch mal probieren.” – oder - “Yz hat mir das und das geschrieben.”

“Du nervst, Weib.”

“Aber guck doch mal”, sage ich, und zeige auf einen Stapel Bücher. Obenauf das Kochbuch von Claudio. Direkt darunter das von Nicky. Ich nehme “Anonyme Köche” in die Hand. Der Herr Peppinello schnappt sich derweil “delicious days” und blättert darin herum. Blättert. Blättert. Irgendwann sagt er: “Hm….sieht gut aus….” Ich will natürlich sofort wissen, auf welches Rezept er da anspringt und gucke. Nein. Von wegen Rezept. Seite 7. Großaufnahme von Nicole Stich. War klar. “Schöne Frau!”

“Blödmann!”,, sage ich, nehme ihm die schöne Nicky weg und halte ihm Claudio unter die Nase. “Jetzt guck doch mal hier, Mann.” (Seite 44/45) – Anonyme Köche)

“Wieso willst Du Fond kochen?”, fragt der Herr Peppinello, “Du kannst meinen Fond aus dem Laden nehmen.” Will ich aber nicht. ich will Demi Glace kochen. Der Herr Peppinello macht mich darauf aufmerksam, das Demi Glace nicht gekocht, sondern “gezogen” wird. Außerdem handelt es sich bei Claudio`s Version um eine “Glace de viande”. Punkt. Klugscheißer. Ausrufezeichen.

“Ich mach das”, sage ich. “Hab schon alles dafür eingekauft.” “Du bist ja besessen”, konstatiert der Herr Peppinello,, worauf ich ein kurzes : “Dann bestell’ schon mal einen Exorzisten!” zische.

Jetzt kommt die Demi Glace.

Die Zutaten kannst Du hier nachlesen, oder in Claudio’s Buch auf Seite 44.

  • 1 kg Kalbsknochen/Kalbsfüße (ich habe nur Markknochen genommen)
  • 6 Zwiebeln, 3 Möhren
  • 2 Stangen Sellerie, 2 Lorbeerblätter
  • Pfefferkörner
  • Öl
  • Tomatenmark
  • 1 Flasche Rotwein (ich habe noch einen Schluck Portwein dazugegeben)
  • 5 Schalotten (ich hatte nur rote Zwiebeln)

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Los geht es auf Seite 44 bei den Anonymen Köchen (im weiteren Verlauf des Tages werde ich Seite 45 bekleckern…) Ich wasche und blanchiere die Knochen nach Anleitung und röste sie dann im 200 Grad heißen Ofen. Nach 30 Minuten hole ich sie raus und lasse sie auf einem Teller erkalten. Ich gucke auf den Teller….gucke auf das Buch..den Teller…das Buch… ich fange an darin herumzublättern…Seite 60. Wolfsbarsch. Wieder dieses heimische Gefühl. Seite 89. Trofie. Hm. ich blättere weiter und habe mehrere Aha- Erlebnisse. Ja. Jetzt weiß ich auch, warum ich mich bei Claudio von Anfang an wie zu Hause fühlte. Die Teller. Mitterteich Bavaria. 20 Jahre altes Geschirr von Oma Peppinella. Das hat er auch. Schön!

Ich röste ich in einem Tops mit 10 l Fassungsvermögen das kleingeschnittene Gemüse mit dem Tomatenmark, gebe die Knochen hinzu und übergieße alles mit kaltem Wasser. Ich füge die Gewürze hinzu und koche alles einmal kurz auf. Dann kommt das, was mir beim Kochen am besten gefällt. Hitze reduzieren und simmern lassen. Claudio sagt, 10 Stunden. bei mir werden es knapp 2 mehr, denn ich muss abends arbeiten, und überlasse den Fond sich selbst. Als ich um kurz vor Mitternacht nach Hause komme hat sich ein unbeschreiblicher Duft in allen Räumen breit gemacht. Im Topf ist die Flüssigkeit auf mehr als die Hälfte reduziert. Es riecht unwiderstehlich. Ich schalte den Herd ab.

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Am nächsten Morgen geht es weiter. Ich nehme die Fettschicht, die sich auf dem Fond abgesetzt hat ab. Dann passiere ich die Brühe (die immer noch warm ist) etliche Male durch ein Sieb. Eine Küchenrolle weiter bleibt ein schöner dunkler Fond übrig. Schmeckt , wenn auch ungesalzen. Nun koche ich die kleingeschnittenen Zwiebeln mit dem Rotwein (und etwas Port) so ungefähr 20 Minuten. Die Flüssigkeit reduziert zur Hälfte. Durch ein Sieb gebe ich den Rotweinsud in den Fond und lasse alles nochmal 3 Stunden auf kleiner Flamme simmern. (Wie das riecht!!!!!). dann schalte ich den her ab und lasse die fertige Glace de Viande (so sagt der Herr Peppinello) erkalten. (Claudio kühlt sie im Wasserbad ab.)

Die Flüssigkeit geliert allmählich und wird ganz langsam sirupartig. Die Konsistenz liegt so zwischen  zwischen Rübenkraut und Balsamico-Creme. Ich probier. Und höre Engelsgesänge aus höheren Sphären. Es schmeckt köstlich. Bevor ich in Versuchung komme, friere ich die Ausbeute (weniger als 1 Liter ein).

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Sieht herzig aus. Der kleine Peppinello betrachtet das Foto und fragt, wieso ich Lebkuchenherzen fotografiert habe, und will wissen, wann es die gab. Er hat keine bekommen…..

So. Nun sollte ich eigentlich meine Ruhe haben. Ist aber nicht so. Täglich kreist mein Denken um das, was ich da im Froster lagere. Ich überlege mir, womit ich sie das erste Mal verwende, die Demi Glace. In schwachen Momenten (habe ich oft), male ich mir aus, wie ich ein Holzstäbchen in die Herzchen bohre, und sie einfach wie Eis am Stil lutsche. Ich bin echt besessen. Der Exorzist wäre vonnöten.

Danke Claudio, für das feine Rezept!!! Und…schöne Teller…..

8. Dezember 2009

Gran bollito misto alla piemontese – ein großer Kessel gemischtes Fleisch…

…und die Fleischsorten verheimliche ich (zumindest teilweise) meiner Familie.

Zunächst aber mal was in eigener Sache:

  1. Danke, für die vielen E-Mail zu meinem Geburtstag. Er war noch traumhafter, als der im letzten Jahr…..am Nikolaustag konnte ich keine einzige Gräte mehr bewegen.
  2. Danke, für die vielen liebreizenden Kommentare im letzten Post. Ich bin echt geplättet, und auch sehr geschmeichelt, was aber bei mir auch immer leichte Ansätze von Größenwahn mit sich bringt, also….Ball flach halten.
  3. Mein Internet und mein Telefon funktionieren weiterhin nur sporadisch. Angeblich hat ein Techniker der Telekom das Problem vor Ort (an irgendeiner Zuleitung) um 11:39 Uhr behoben. Um 14:12 ging dann wieder das Internet nicht. Ich kenne mittlerweile alle Mitarbeiter sämtlicher Hotlines. Ich habe sie alle schon beschimpft, den elektrischen Martin inklusive. Ist aber bei Martin unbefriedigend, denn er reagiert nicht.
  4. Ich komm’ jetzt zum Punkt. Bolltio misto.

Genau das Passende, wenn das Wetter so gruselig ist, wie hier. Bolltio misto kommt aus dem Piemont, und da herrschen glaube ich, momentan auch miese Temperaturen (5 Grad und Nebel, sagt mein Wetterdienst).

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Wenn Du auf das Foto guckst, sag ich Dir mal, was alles drin ist, im Bolltio. Wir fangen bei 12 Uhr (Kartoffel) an. Direkt darunter siehst Du ein Stück von einer Rinderbeinscheibe. Daneben Möhre. Unten rechts Kalbszunge. Suppenhuhn. Oben links, neben dem Meerrettich, ein Stück Cotechino. Das Grüne obendrauf ist die Salsetta verde. nachkochen ist unproblematisch, Du musst Dir nur einige sehr gute Esser einladen.

Zutaten (Achtung, für 8 – 10 Personen):

  • 1 Kalbszunge (ca. 800g) – die Kalbszunge verschweige ich den Kindern, ich sage, es ist ganz zartes Filet von irgendwas.
  • 1 Suppenhuhn (bis zu 2 kg)
  • 1 vorgekochter Cotechino
  • 1 große Beinscheibe vom Rind
  • einige Markknochen vom Kalb
  • 1 große Gemüsezwiebel gespickt mit 8 Nelken
  • Petersilie und Knoblauch
  • Möhren und Sellerie
  • Lorbeerblätter, Pfefferkörner
  • Salz und Pfeffer

für die Salsa verde:

  • 2 Knoblauchzehen
  • 6 – 8 Sardellenfilets
  • 2 EL Kapern
  • 2 EL Weißweinessig
  • 2 EL Paniermehl
  • 1  großes Bund Petersilie
  • Pfeffer
  • 1/8 l Olivenöl
  • ggf. etwas von der Fleischbrühe

als Beilagen:

  • gekochte Möhren
  • Salzkartoffeln

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Als erstes putze ich das Suppengemüse und gebe es mit den Knochen und der gesäuberten Zunge (sieht sie nicht widerwärtig aus) in einen großen Topf mit kaltem Wasser. Auch die Zwiebel mit den Nelken und alle anderen Gewürze gebe ich dazu. Das ganze koche ich auf, und schöpfe den sich absetzenden grauen Schaum ab. Ich drehe die Hitze etwas runter.

Nach ungefähr 2 Stunden gebe ich dann die Beinscheibe und das Suppenhuhn dazu, und lasse alles auf kleiner Flamme zwei bis 3 weitere Stunden garen. Hängt alles von der Zunge ab, die braucht nämlich am längsten, so insgesamt vier bis 5 Stunden. Während der Wartezeit drängt sie sich immer wieder an die Wasseroberfläche. Ich gucke sie an. Sie sieht nicht lecker aus. Ich stoße sie zurück auf den Topfboden, sie kommt sofort wieder hoch. Übrigens ist die Zunge gar, wenn man ganz leicht mit einer Gabel rein stechen kann. So weit ist sie hier aber noch nicht. Eine Stunde vor Ende der Garzeit setzte ich die Cotechino-Wurst mit Wasser in einem separaten Topf auf. Sie sollte nach 30 bis 40 Minuten gar sein. Gleichzeitig koche ich Kartoffeln und Möhren. Außerdem bereite ich die Salsetta verde zu.

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Ich hacke die Petersilie klein, zerteile die Sardellen mit der Hand, schneide den Knoblauch. Nun zerkleinere ich alle Zutaten mit dem Mixer, und gebe nach und nach den Weißweinessig und das Olivenöl (tropfenweise) hinzu. Bitte nicht salzen, die Sardellen sind salzig genug. Sollte die Salsetta zu dickflüssig sein, kannst Du sie mit ein wenig von der Fleischbrühe strecken. Fertig.

Ich muss nun hinter dem Rücken meiner Kinder das Suppenhuhn und die Zunge häuten. Ich stelle mich breitbeinig an meine Arbeitsplatte, und versuche meine Schultern so breit wie möglich zu machen, damit sie bloß nichts sehen. ich verbiete ihnen, den Tisch zu decken.

“Das macht Papa heute.” (Irgendwie versuche ich zu vermeiden, dass sie neben mir in den Besteckschubladen rumkramen.

Die Zunge und das Huhn sind sehr heiß. Ich bin hektisch und verbrenne mir die Finger. Schnell werfe ich die Haut der Zunge - die nun aussieht wie weißes Leder - und die wabbelige Hühnerhaut in den Müll. (Die Zunge ist sehr sehr weich…irgendwie habe ich was gegen die Zunge. Der Cotechino ist gar. Ich schneide den Beutel auf, entnehme die Wurst und schneide sie in Scheiben. Das mache ich nun auch mit allen anderen Fleischsorten….Beim Huhn ist das eher ein Zerteilen….und richte alles nett mit dem Gemüse und den Kartoffeln auf einer großen Platte an. Der Kleine stürzt sich auf das Huhn und die Möhren. Fräulein Peppinella nimmt Kartoffeln, mag die grüne Soße wegen der Sardellen nicht. Schließlich legt sie sich mehrere(!!!) Scheiben Zunge auf den Teller und isst. (ganz, ganz zart, das Filet von was auch immer…..)

082 Alle anderen (wir haben Besuch), nehmen reichlich von allem. Ich probiere die Zunge. Nein. Schmeckt mir nicht. Dem Herrn Peppinello auch nicht…….Naja. Vielleicht nächstes mal. Oder auch nicht……

Ich guck jetzt mal, was bei Dir so los ist…..Solange mein Internet funktioniert.

28. März 2009

Flädlesuppe, Tafelspitz, Bouillonkartoffeln, Apfelkren – Erinnerungen an Grete und Jakob

Neulich kochte Kirsten Tafelspitz. Claudio servierte “Flädlisuppe”, und katapultierte mich damit Jahrzehnte zurück. In meinem Kopf machte es wusch-wusch-wusch. Sofort fielen mir Grete und Jakob ein. Nach einigem Googeln weiß ich jetzt, dass mich das “Flashback” 18 bis 20 Jahre zurückspulte, denn in jener Zeit starb Gerhard Höllerich. Jetzt frag’ nicht was Gerhard mit Grete, Jakob, Claudio oder Kirsten oder dem Tafelspitz zu schaffen hat. Ich erzähle es Dir später. (Es wird glaube ich länger….wie so oft hier.)

Grete und Jakob waren früher mal unsere Vermieter. Herr Peppinello und ich waren recht jung und lebten unverheiratet (Hölle!) zusammen. Grete war Mitte 70, Jakob über 80. Sie hatten ein großes, altes Haus in ländlicher Gegend (da wo Altbier aufhört, und Kölsch anfängt) mit einem riesigen Nutzgarten, 4 Wohnungen und einer verpachteten Gaststätte. In den 4 Wohnungen lebten: Grete nebst Jakob, Hubert und Erika (beide Mitte 50), Käthe (Mitte 60, verwitwet) sowie der Herr Peppinello und ich.

Grete hatte den grünsten Daumen der Welt, machte die weltbeste Stachelbeer-Baiser-Torte, die ich je gegessen habe. Sie war der Inbegriff einer guten Hausfrau und Köchin, sowie eine Seele von Mensch. Sie brachte mir (unter anderem) den Tafelspitz mit Flädlesuppe bei. Bevor ich mich jetzt in Quasseleien verliere, hier erst einmal die

Zutaten (reicht bei uns nur für 4 Personen)

für den Tafelspitz nebst Bouillonkartoffeln

  • 1,5 kg Tafelspitz
  • Lorbeer, Wacholderbeeren, Nelken, Pfefferkörner, Salz
  • 6 – 8 große festkochende Kartoffeln
  • 2 große Zwiebeln
  • 1 Stange Lauch
  • 6 – 8 Karotten
  • 1/2 Knolle Sellerie
  • Selleriegrün, glatte Petersilie
  • Petersilienwurzel

für die Flädle

  • 200g Weizenmehl (405)
  • 2 Eier
  • 1/4 l Milch
  • Salz
  • nach Belieben Kräuter, bei uns oft Rosmarin heute Petersilie

für das Apfelkren

  • mehlige Apfel, geraspelt
  • etwas Zitronensaft
  • geriebenen Meerrettich (im Idealfall frisch, ersatzweise aus dem Glas, wie bei mir heute)
  • Schlagsahne
  • Salz
  • Bouillon vom Tafelspitz

Das alles sind die Zutaten nach Art von Grete. Ob das nun eine “Wiener” Tafelspitz-Rezept ist, weiß ich nicht. Deshalb nenne ich es auch nicht so. Es ist von Grete. Punkt.

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Ich verschone Dich auch heute nicht mit meinen elenden Foto-Collagen und: Ich schwelge dabei in Erinnerungen. Hier oben also mein Tafelspitz , noch recht unspektakulär.

In einem großen (sehr großen) Topf setzten wir Wasser auf. Sobald es kocht, geben wir zunächst das Fleisch, sowie die Lorbeerblätter, die Wacholderbeeren, die Nelken und die Pfefferkörner dazu. Wir schöpfen etwas “Schaum” ab, und stellen den Herd auf kleine Flamme. Grete sagte nie “köcheln”, sondern “simmern”. Dann rösten wir die Zwiebeln an, und geben auch sie in die Brühe. Es ist 10:00 Uhr, wir wollen um 14:00 Uh essen. Gut’ Ding will Weile haben.

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In der Zwischenzeit erzähle ich Dir was über Grete, Jakob und die anderen.

Wenn Grete ausging, dann trug sie einen Hut und ein Kostüm, meistens in dunkelblau oder grau, im Sommer beige. Beim Arbeiten in Haus und Garten aber, da trug sie eine Schürze. So eine richtige, mit Stickerei auf der Brust, und Taschen vorne drauf. In den beiden Taschen hatte sie den Hausschlüssel und ein kleines, abgenutztes Gemüsemesser mit braunem Holzgriff. Außerdem erinnere ich mich daran, dass Grete, wenn sie saß, die Hände stets ruhig im Schoß gefaltet hielt. Und nicht so wie ich immer wild damit herumfuchtelte.

In Grete’s riesigem  Nutzgarten wuchs alles. Kernobst, Beerenobst, Kräuter, Knollenfrüchte, Gemüse, Salate. Alles. Sämtliche Beete waren schnurgerade angelegt. Und Grete, obwohl schon weit über Siebzig kniete jeden Tag darin. Erika und ich gingen ihr zur Hand, und durften ernten, was wir wollten. Im hinteren Teil des Garten war eine offene Laube (“Remise” nannte Grete das), in der wir oft saßen, Gemüse putzten und erzählten. Grete sprach immer ruhig und bedächtig. Sie war keine Rheinländerin, aber ich kann mich nicht daran erinnern, woher sie war.

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In Echtzeit geben wir jetzt, nach einem Stündchen simmern, die anderen Zutaten in den Topf. Die Kartoffeln und die Möhren bleiben ganz. Die anderen Sachen werden nur grob zerkleinert. Alles bleibt beim Simmern.

Jakob hingegen war der Urtyp des Rheinländers. Er hatte, wie viele hier, einen frankophonen Nachnamen. Seine alten Freunde nannten ihn “Köbes”. Wenn Jakob ausging, trug auch er einen Hut, sowie tadellose Anzüge mit entsprechenden Mänteln (Sommermantel, Wintermantel, Übergangsmantel – beige, dunkelblau, grau). Außerdem brauchte er ein Stöckchen, denn er war nicht mehr so gut zu Fuß. Wenn Grete morgens im Garten war, schickte sie den Jakob zum Einkaufen. Sie hätte das glaube ich besser gekonnt, aber ich denke, er ging ihr im Garten manchmal (oder immer) auf die Nerven, und so hatte er eine Beschäftigung. Natürlich hätte Grete das niemals gesagt.

Bevor Jakob zum Einkaufen ging, nahm er im Erdgeschoß im Gasthaus immer erst ein Bier und einen “Kleinen” (Steinhäger)…oder zwei ..oder drei. Ab und an gingen Jakob und ich gemeinsam einkaufen. Jakob war Fleischspezialist, sagte er immer. In früheren Jahren hatten er und Grete die Gastwirtschaft geführt, und vor ihnen Jakob’s Eltern, und davor seine Großeltern. Auf dem weg zum Lädchen erzählte er immer von früher. Sein Langzeitgedächtnis war hervorragend, das Kurzzeitgedächtnis nicht mehr so. Wenn Grete ihn (behutsam) fragte, ob er Schnaps getrunken habe, konnte er sich nie-nie-niemals daran erinnern. Jakob’s Lieblingsgeschichten handelten von den beiden Kriegen, die er miterlebt hatte. Stundenlang konnte er sich immer aufs Neue darüber aufregen, das sämtliche Besatzungmächte dieser Welt über das schöne Haus hergefallen waren, und vom Keller bis zum Dach das schöne Treppengeländer aus schwerer Eiche (oder war es Mahagoni?) zu Kleinholz verarbeitet und als Brennholz verfeuert hatten und im Anschluss alles verwüsteten.

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Wir rühren jetzt schon einmal den Teig für die Flädle, backen dünne Crepes daraus, rollen sie auf, und stellen sie in den Kühlschrank. (Anm. der Bloggerin: Nein, Grete hatte keine Kitchen-Aid, dort wurde von Hand gerührt.)

Im Einkauflädchen angekommen, kaufte Jakob den Tafelspitz, den Grete vorbestellt hatte. Ansonsten fragte er immer nach den Angeboten, oder er nahm “ein schönes Stück vom Vorderviertel”. Jakob aß gerne Orangen, aber die wuchsen in Grete’s Garten nicht. Ohne Brille konnte er, ein Sparfuchs, die Preise nicht erkennen, und so fragte er mich stets danach. Einmal las ich ihm das Schildchen vor: “Jaffa-Orangen, Israel, 1,99 Mark”, worauf er sich sofort wegdrehte, und sagte :”Von denen kaufe ich nix”. (Hinter dem “von denen” kam noch ein weiteres Wort, welches ich hier nicht wiederholen möchte.) Ich wurde so wütend, dass ich ihn am liebsten stehenlassen hätte. Alleine hätte er jedoch die Einkauftasche nicht nach hause tragen können. Ich dachte an Grete, und blieb bei ihm. Stumm trug ich später die Taschen hoch, während Jakob unten noch einen Kleinen nahm, oder zwei.

Und dann passierte Folgendes: Käthe (68 Jahre alt) stand im Nachthemd im Treppenhaus. Tränenüberströmt. Immer wieder schluchzte sie: “Er ist tot..er ist tot!”. Käthe überwinterte normalerweise immer auf Gran Canaria, und zwar mit ihrem “Bekannten” (ich glaube er hieß Heinz), und die jährliche Abreise stand kurz bevor. Alle liefen aufgeregt zusammen. Käthe war untröstlich und weinte ohne Unterlass. Wir dachten an den armen Heinz.

Aber der erfreute sich bester Gesundheit. Tot aber war Gerhard Höllerich. Und den verehrte Käthe seit Jahrzehnten glühend. (Wenn Du jetzt immer noch nicht weißt, wer das ist: Roy Black.) Die Abreise wurde verschoben, ob Heinz wollte, oder nicht, denn Käthe pilgerte nach Straßberg, um Gerhard rote Rosen aufs Grab zu legen.

Zeitgleich fuhren auch Grete und Jakob in den Urlaub. nach Bad Bergzabern, wie jedes Jahr. Mit dem Auto, wie jedes Jahr. Und Jakob fuhr…. Die Tage vor den jeweiligen Abfahrten waren die einzigen Momente, in denen ich Grete’s Nerven blank liegen sah. Jakob hatte einen schneeweißen Ford Escort. Zwanzig Jahre alt und erst 16.000 km gelaufen (immer nur nach Bad Bergzabern und zurück). An manchen Wochenenden lud Jakob den Herrn Peppinello zu einer kleinen Spazierfahrt ein, um “den Wagen zu bewegen”. Allein wie er rückwarts auf der Ausfahrt gurkte, war ein Schauspiel für sich. Wenn die beiden dann mit ungefähr 20 kmh über die nahe Schnellstraße krochen, und von allen Seiten überholt, angehupt, und angeblinkt wurden, hatte der Herr Peppinello gar nicht genug Haltegriffe im Ford, um sich festzukrallen.

Aber Jakob, 83 Jahre alt, und starrsinnig wie ein Kleinkind musste fahren. Nach Bad Bergzabern. Mit dem Zug? Niemals. Denn Jakob stockte in der Pfalz jährlich seinen heimischen Weinkeller auf. Er kaufte Riesling, und zwar in solchen Mengen, wie er sie auch früher, als er noch Gastwirt war orderte. Natürlich zum Vorzugspreis. Ja. Und dann die Steaks in Bad Bergzabern in. Die waren (nach seinen Kriegsgeschichten) sein zweites Lieblingsthema. Die aß er seit Jahrzehnten. Es waren die besten der Welt (zum Vorzugspreis). Und die Größten. Wenn er davon sprach, wurden sie nach jedem Steinhäger größer, bis sie quasi den Durchmesser der Tischplatte des Stammtisches hatten. Ach Jakob. Was hatten wir immer Angst um ihn und Grete, bei der Vorstellung, wie sie (beide mit Hut) über die Autobahn krochen.

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Oh oh oh. Vor lauter Erzählen hätte ich jetzt bald das Rezept vergessen. Für das Apfelkren reiben wir die Äpfel und den Meerrettich und geben etwas Zitronensaft dazu. Wir schlagen die ungesüßte Sahne halbsteif und  verrühren sie dann mit den Apfel-Rettich-Mischung, etwas Salz und etwas Brühe vom Fleisch. (Grete sagte in der Tat “Kren”, nicht “Meerrettich”.)

Während Jakob und Grete weg waren, hielt Hubert das Haus in Schuss. Er war Schlosser von beruf, und ein handwerkliches Multitalent. Auch er ein Inbegriff des jovialen, stets gutgelaunten Rheinländers. Außer wenn die “Erbschleicher” kamen. Dann spuckte er Gift und Galle. Jakob und Grete waren (darüber weinte Grete manchmal immer noch) kinderlos geblieben. Ihre einzigen lebenden Verwandten waren ein Neffe, nebst Gattin, sowie die Großnichte. Sie lebten in Köln, und kamen nur zu Feiertagen. Oder wenn Grete und Jakob aus Bad Bergzabern heimkehrten. Die Großnichte sollte alles was ihnen gehörte erben. Jedes Mal, wenn sie in der Auffahrt parkten, ging der Neffe ums Haus, und klopfte mit der Hand das Mauerwerk ab. “Erbschleicher”, zischte Hubert dann immer, “die hoffen doch nur, dass der Köbes die Grete und sich totfährt.”

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Für uns ist es jetzt Zeit, die Flädle zu schneiden, sie mit etwas heißer Bouillon vom Tafelspitz zu übergießen, und als Vorspeise zu servieren.

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Das alles ist jetzt fast 20 Jahre her. Herr Peppinello und ich wohnen längst woanders, und wir haben uns komplett aus den Augen verloren. Jakob ist verstorben, wie ich annehme, und Käthe wohl auch. Aber Grete….nicht. Ich habe im elektronischen Telefonbuch ihren aktuellen Eintrag gefunden. Sie wohnt noch immer in ihrem Haus, mit Hubert und Erika. Ich werde sie anrufen.

Auf keinem Foto der Welt, könnte ich festhalten, wie köstlich dieser Tafelspitz schmeckt, mitsamt den damit verbundenen Erinnerungen.

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Schlaf’ schön. Bis morgen.