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7. November 2012

Essen nach Farben, Lesen im morphischen Feld, oder: Meine Nerven.

Es gibt Sachen, die gibt es gar nicht. Vielleicht erinnerst du dich ja an meine Fantasie-Freunde Frauke und Bernhard mit Nils und Nele. Die durchgeknallten Ökos. Ich hatte die schon fast vergessen, bis letzte Woche.
Und das kam so:
Ich bin zu Fuß unterwegs. Gehe eine schöne Straße entlang. Sanierte Patrizierhäuser. Große Fenster, gardinenfrei laden ein zum reingucken. In die Zimmerfluchten des Wohlstands- und Bildungsbürgertums. Ich laufe…gucke. Mittedrin steht da eine ganz vergammelte Bude. ein Schaufenster ohne Doppelverglasung hat es auch. ein Ficus mit drei grünen Blättern, der Rest davon liegt verwelkt auf der Fensterbank (Marmor, gesprungen, soweit man das unter den Schichten von Laub und Staub erkennen kann). Büche, Mandalas, Traumfänger, Klangschalen, Gerümpel, Broschüren für Reiki-Kurse und Farbtherapien. In der Scheibe klebt ein handgeschriebener Zettel:
“Lesen im Morphischen Feld am Donnerstag, dem 29.11. um 19:00 Uhr unter der Leitung von Dr. Soundso”
Vor meinem geistigen Auge erscheint meine imaginäre Zottel-Familie. Ob die hier wohnen? Nein. Die wohnen doch auf dem Land. In einer Scheune, oder so.
Was ist dieses Lesen im morphischen Feld? Ob das mein Vater weiß?
Du hast auch keine Ahnung? Dann lies mal hier. (chakra.omm) So was in der Art dachte ich mir. Wikipedia erklärt es lang und kompliziert.
Bereits nach wenigen Sätzen bin ich mir sicher: Frauke hat einen Laden eröffnet. Sie gibt jetzt Kurse. In Selbstfindung, Hausgeburten, Stillen eines Kindes bis zur Volljährigkeit (des Kindes), Batiken, Makramee, Klangschalentherapie. Zusätzlich werden neben diesem ominösem morbischen morphischen Lesezirkel andere coole Kurse angeboten: Gaya beschwören, Beltane-Riten abhalten, den Mond anheulen, Zimmerpflanzen töten, Färbetechniken mit Henna und/oder Zwiebelschalen (oder beides zusammen), Jagen und Zerlegen von Dinkelkörnern, demokratisches Buchstabentanzen für Kinder und Jugendliche jeden Alters nach dem Summerhill-Prinzip, sinnliches Kochen mit Bulgur und dem Partner (nicht dem Partner von Bulgur, du Dummi), Eigenherstellung von alkalifreier Seife, Waschen mit Nüssen ohne Waschmaschine…..und vieles mehr.
Die Liste könnte endlos sein. Ja. Und Bernhard passt in der Scheune auf dem Land auf die Kinder auf. So funktioniert die offene, spannende, gleichberechtigte, verständnisvolle, weltbejahende, positive denkende, spirituell in sich gefestigte, sinnlich-liebevolle, auf Austausch bedachte, gebende und nicht nehmende Partnerschaft. (Peppinella, halt ein…du übertreibst es, sagt die Stimme in meinem Kopf. Die, die das hier lesen, denken eh du hast ein oder zwei Schrauben locker).
Es gibt aber neben dem Morpheus morphischen Lesezirkel ein weiteres wichtiges Angebot: Ganzheitliche Heilung durch die Einhaltung einer Diät auf  Basis der Klang-  und Farbtherapie (omm-chakra).
Das habe ich neulich nämlich selbst erlebt. Also im wirklichen Leben. Nein, ich mach natürlich nicht diese Therapie. Mir ist auch der Klang von quietschenden Gurken, wenn ich sie mit dem Messer zerlege nicht unangenehm. Ich esse überdies Lebensmittel aller Farben. Pink finde ich zugegebenermaßen ein wenig unnatürlich, aber auf Kindergeburtstagen immer in Form von Benjamin-Blümchen-Torten gern genommen.
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Das war so:
Wir bekommen unangekündigten Besuch. Das Lädchen hat Ruhetag. Wir sind auf nix vorbereitet. Der Besuch lädt sich selber ein. Zur Essenszeit. Das Ehepaar lebt eigentlich in Italien. Sind hier auf Urlaub (!!!!! von der Blumenriviera ins Rheinland auf Urlaub!!!!!) Okay, er ist Italiener, sie Deutsche. Wir kennen uns lange, aber nicht gut. Wir haben gern Besuch. Am Abend kommt Champions League. Borussia Dortmund gegen Real Madrid. Ob sie fußballbegeistert ist wie ich? Nein. Ich denke nicht. Sie schickt nämlich lieber Wünsche ins Universum. Ja. Das hat sie von ihrer Reiki-Meisterin gelernt.
(Das ist jetzt kein Hirngespinst von mir, das macht sie wirklich. Ich war vor einigen Jahren mal live dabei. Wünsche ans Universum muss man laut aussprechen, sagte sie da. Wir fuhren an einem Samstag Abend nach Düsseldorf. Dort wollten wir Essen gehen. Überall Autos. Alles voll. “So”, sagte sie bedächtig, “wir wünschen uns jetzt einen Parkplatz.” Und vor uns, mitten auf der völlig zugeparkten Kö fuhr einer aus der Parkbucht. “Seht ihr”, sagte sie daraufhin bedeutungsvoll, “geht doch.” Ich muss hier nicht weiter erläutern, dass der Herr peppinello bald ins Lenkrad gebissen hätte. Ich lehnte meinen Kopf gegen die kalte Autofensterscheibe, ihr sizilianischer Mann sagte vorsichtshalber nichts)
Ok. Zurück zum besagten Besucher-Abend. Auf die Schnelle richten wir eine ganze Menge Sachen her. Salat, Sprossen (!!!), Ziegenkäse mit Tomaten , Mozzarella mit Tomaten, Brot, Baguettes, Schinken, Spinat, Salsiccia, Oliven…was so da ist. Wir haben auch noch Antipasti übrig. Zucchini, Auberginen. Reicht doch, denke ich. Weit gefehlt. Aber so was von. Die Herrschaften treffen ein. Luftküsschen links und rechts bei ihr (ich hasse das). Tisch ist schon gedeckt. Ich sage, setzt euch doch. Sie muss erst an der bar einen Kaffee trinken. Er sitzt. Fräulein Peppinella und ihr Bruder auch. Ich mache den Kaffee. Herr Peppinello holt in der Küche das Brot aus dem Ofen, soll ja warm serviert werden. Gerade wollen wir auch Platz nehmen, da sagt sie: “Kann dein Mann mir einen Salat nur mit Tomaten und Radicchio  machen?” (sie: großer Augenaufschlag)
Und ich sag: “Nee, Radicchio ist aus. Tomaten sind ja hier genug auf dem Tisch. Schau…im Salat mit Ziegenkäse und auch an der Caprese. Außerdem haben wir doch hier noch den Gemischten, den du sonst immer isst. Und Sprossen.” (ich: kein großer Augenaufschlag, aber leichte Unmutsfalte zwischen den Augenbrauen)
Und sie sagt: “Das kann ich alles nicht essen.” (mehrfacher großer Augenaufschlag nacheinander)
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Und ich sag:”Hä? Sonst warst du doch nur gegen Gluten allergisch, oder?” (ohne Augenaufschlag, aber schon leicht erhöhter Pulsschlag)
Zwischenzeitlich sitzt der Herr Peppinello am Tisch, und bietet ihr alles mögliche an. der sizilianische Gatte hält sich geschlossen. Isst. Trinkt.
Und sie sagt kopfschüttelnd: “Nein, das darf ich alles nicht essen. Nur Rotes” (Augenaufschlag, Augenaufschlag, Augenaufschlag. Mein Gott, das macht mich nervös.)
Und ich sage: “Wie, nur Rotes?”  - Nun erklärt sie mir, und den fassungslos dreinblickenden Kindern (die beiden Herren starren auf ihre Teller), was ihr alles Übelkeit, Bauschmerzen, Kopfschmerzen und weitere schwerwiegende Probleme bereitet: Brot, Mehl, Nudeln, Geflügel, Schweinefleisch, Wurst, Käse, alle andersfarbigen Gemüsesorten und Obst. Ganz besonders Grünes ist giftig. Und beim Obst gehen Orangen, Zitronen, Erdbeeren auch nicht. Kiwi schon mal gar nicht. Die sind ja auch grün. Wein darf sie auch nicht mehr, egal ob rot oder weiß. Lamm darf sie essen und Rind….aber nur die Filets. Aha, die sind bei uns gerade aus. Und gleich fängt die Champions-League Übertragung an.
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Und ich sage dann: “Da würde ich mal zu einem Spezialisten gehen. Für eine genauere Diagnose” (Ich denke da eher an einen, der das Kopf-Problem behandelt. Damit meine ich nicht den Augenaufschlag, Augenaufschlag, Augenaufschlag)
Und sie sagt: “Nein.” Zum Arzt geht sie nicht. Die verschreiben nur schädliche Medikamente.” (Augen..und so weiter und so weiter) Sie hat da jemanden,der sie berät. Einen Reiki-Farbtherapeuten. Es sind die Farben. NUR Rotes. Und grün auf gar keinen Fall. Ich drehe den Fernseher etwas lauter. Die Vorberichterstattung fängt an.
Und ich sage hinterhältig: “Guckst du auch so gerne Fußball?”
Und der Herr Peppinello fragt sie: “Magst du Kürbissuppe mit Ingwer? Die haben wir noch da.”
Und sie sagt, nein, Fußball mag sie überhaupt nicht, aber Kürbissuppe mit Ingwer schon. (Klimper-klimper-klimper…meine Nerven) Herr Peppinello geht in die Küche und kehrt einige Minuten später mit der Suppe zurück. Schön cremig. Kein Minzeblättchen obendrauf, denn das ist ja grün.
Und sie sagt: “Sind da Kartoffeln drin?” Und der Herr Peppinello nickt.
Und sie sagt: “Dann kann ich das nicht essen, tut mir leid.” (die Klimperei geht mir auf die Nerven, und nicht nur die.
Und ich stehe auf. Und reiße ihr den Teller weg. Und stelle ihn mit einem Knall, so dass die Suppe leicht überschwappt vor ihren Mann. Er zuckt zusammen. Die Kinder auch. Der Herr Peppinello guckt mich an. Er kennt mich.
Und ich sage dann LAUT: “Auf so was sind wir heute nicht eingerichtet. Tut mir auch leid. Ganz entsetzlich leid.”
Das Spiel fängt an. Cristiano Ronaldo sieht gut aus, wie immer. Sergio Ramos noch besser, auch wie immer. Ich widme mich voll und ganz dem Fernseher und schreie ab und an bei Chancen für Real. Die Männer auch. Sie klimpert verständnislos vor sich hin. Aus den Augenwinkeln sehe ich irgendwann, dass sie sich eine Scheibe Brot nimmt. Und Weißwein trinkt.
Ich habe gerne Besuch. Ehrlich. Über diesen hier kann ich völlig frei sprechen. Betreffende besitzen weder PC noch Internet. Wegen der Strahlungen. (Augenaufschlag Augenaufschlag Augenaufschlag)

Kommentare:

  1. Klimper...klimper...Augenaufschlag...ich esse alles...

    http://tomatenbluete.wordpress.com/2012/10/02/was-kochen/#

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  2. Du kennst ja Leute...tsss...von außen betrachtet sind die aber um einiges unterhaltender als Fußball!

    Uns sehr schön geschrieben - schön, dass du überhaupt wieder schreibst!

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  3. war ein Hammerspiel, gell! Konntest Du's geniessen (Augenaufschlag ...!)?
    Lautlach, aber mit lieben Grüssen aus Zürich,
    Andy

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  4. Boah, tut das gut, das zu lesen! Als am Ende die Kürbissuppe auf den Tisch geknallt wird und das ganze Drama ein Ende findet, atmet man richtig auf.

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  5. Einfach niederknutschend vorzüglich treffend getroffen, löst viel Betroffenheit, v.a. ggü. der mit dem Treffer im Hirn. Mit anderen Worten: Einfach. GEIL!

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  6. Schön dass du wieder aktiv bist und schreibst - einfach köstlich!
    Das mit dem Anruf ans Universum - laut - bei der Parkplatzsuche - habe ich auch mal erlebt. Genau so, nur nicht in Düsseldorf auf der Kö, sondern an einem anderen Ort, an dem man normalerweise auch nie einen Parkplatz findet. Am meisten hat mich gewurmt, dass es tatsächlich geklappt hat, so wie von dir auch beschrieben.
    LG, Ulrike.

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  7. Es kann nicht mehr lange dauern, bis Augenklimper erkennt, dass sie auf reine Lichtnahrung umstellen muss.

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  8. Da treffe ich mich lieber mit Frauke und Bernhard.
    Die sind weniger anstrengend. Obwohl, ich mag auch die roten Gummibärchen
    am liebsten. Herzliche Grüße Juta

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  9. Ach wie schön, es gibt dich wieder !

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  10. Treffend beschrieben. Trotzdem irgendwie seltsam, Freunden nicht persönlich zu sagen, was einen an ihnen stört, sondern im Internet über sie herzuziehen. Stimmt, ich poste das jetzt auch anonym anstatt eine persönliche eMail zu schreiben. Aber wir sind ohnehin nicht persönlich bekannt. Mit Gruß, Ludwig

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    1. Lieber Herr Ludwig, gerne können Sie mir auf jede erdenkliche Art und Weis schreiben. Anonym oder bekannt. Mir ist alles recht. Ich finde hier nichts seltsam. In meinem Blog schreibe ich was, und wie, und über wen ich will. Dabei werde ich immer persönlich (Augenklimper)

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    2. Ach so. Diesen Argumenten bin ich nicht gewachsen (senkt schamvoll das Haupt und verlässt die Bühne).

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  11. Das hat mir SOOOOOO gefehlt! LUFTKÜSSCHEN!

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  12. Cool. Hab ich ja gar nicht mitbekommen. Da biste ja wieder!

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  13. Ooooch - was freue ich mich (*hüpfimkreis)….
    Warum hab ich das nicht früher mitbekommen????
    Also - jetzt nicht nur der Beitrag an sich (ich hab hier aber sowas von aufgeheult: vor Erkenntnis, vor Lachen und überhapt… *"mit ohne" Klimper…)

    Wie schön, dass Du inzwischen doch wieder ein wenig Zeit für die Leserschaft gefunden hast.
    Ich wünsche Dir (gaaaanz egoistisch auch mir!!!) im neuen Jahr doch wieder mehr Zeit zum "Luftablassen" in Deinem Blog, Dir persönlich viel Gesundheit und robuste Neven (auch wegen der Mitmenschen) und gleichfalls weiterhin immer so eine köstlich satirisch gespitzte Zunge.
    Macht gar nix, wenn das nicht regelmäßig ist - ich hab Dich ja auch so wieder gefunden (wenn auch etwas sehr verspätet!)
    Alles, alles Gute im neuen Jahr
    und ganz lieben Gruß
    Heidi

    PS: Mein Tag ist erhellt, aber sowas von… *grinsganzbreitimkreis

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