6. Dezember 2011

Kalabrien für Anfänger: La Stroncatura, oder: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Nudeln für Arme.

Aber zum Glück kann man sich ja belehren lassen. Ich erwähnte glaube ich schon, dass wir in diesem Jahr öfter in Kalabrien waren, oder? Im Land meines Vaters. La Patria sozusagen. Für mich aber völlig fremd (eine der nördlichsten Provinzen Afrikas – Kalafrika) Ich war als Kind dort. Als Halbwüchsige. Kenn mich also wenig bis gar nicht aus. Mein Vater lebt ganz unten, fast an der Straße von Messina. “Lo Stretto” nennen sie die Meerenge. Das Dorf liegt etwas erhöht, 400 Meter über dem Meeresspiegel, will heißen, man kann es im Sommer einigermaßen aushalten, wohingegen man unten in Strandnähe im eigenen Saft bei Temperaturen über 40 Grad schmort.

So um die 100 Einwohner hat das Dorf Melicucca, die meisten sind alt. Landflucht. Viele Häuser stehen leer und verrotten. Riesige Areale mit uralten Olivenbäumen werden nicht bestellt, weil die Besitzer im Norden, in Amerika, Australien oder sonst wo hin sind. Es gibt zwei, drei kleine Einkaufsläden, 4 Bars, einen Frisör, eine Metzgerin.

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An der Bottega hängt ein handbeschriebenes Pappschild im Fenster: “qui stroncatura in vendita”. Nie gehört. Kann alles sein. Fleisch, Fisch, wer weiß. Wir gehen rein. Kaufen Brot und lassen uns Capicollo schneiden, probieren Ricotta. Das geheimnisvolle “Stroncatura” finde ich weder in den Fässern mit eingesalzenem Fisch, noch bei den Schnäpsen. Dann sehe ich hinter der Ladentheke, beim Brot etwas in braunes Papier verpacktes.

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Das ist Stroncatura. Wird so ausgesprochen “schronkature”, wobei im kalabrischen das “r” nicht gerollt, sondern in diesem Fall wie das englische “r” gesprochen wird. Stroncatura gibt es nur noch rund um Gioia Tauro. Die Nudeln sind dunkel und haben eine raue Oberfläche. Sie kochen länger als normal. das weiß ich natürlich alles nicht (und mein Vater auch nicht, dazu aber später mehr…). Die nette Besitzerin des kleinen Ladens erklärt, das diese Art Pasta früher aus den “avanzi” (den Resten) nach dem Mahlen des Hartweizens hergestellt wurde, übriggebliebenes verstreutes Mehl mit Schalen und Wasser. Billiges für die Landbevölkerung. Auch das Condimento besteht aus Zutaten, die in Kalabrien selbst die Ärmsten da hatten. “Piatto antico poverissimo”, sagt die nette Signora in der Bottega, und erklärt mir das Rezept:

Zutaten für 4 Personen:

  • 400g Stroncatura (Bavette oder Fettuccine gehen auch, falls du nicht gerade in der Gegend von Gioia Tauro bist)
  • 2 kleingehackte Knoblauchzehen
  • 8 gesalzene Sardellenfilets
  • 6 vollreife gewürfelte Tomaten
  • Peperoncino oder Olio santo
  • Salz und Pfeffer
  • Olivenöl
  • 1 Bund glatte Petersilie
  • 8 EL Olivenöl

In einer hohen Pfanne brate Knoblauch und die Sardellenfilets in reichlich Olivenöl an (kleine Flamme). Die Sardellenfilets zerdrücke ich dabei. Dann gebe ich die Tomaten hinzu und lasse den Sugo ein paar Minuten bei großer Hitze einkochen. In einer zweiten Pfanne röste ich die Semmelbrösel in etwas Olivenöl goldgelb und gebe sie dann zum Sardellensugo. Ich würze mit Salz und Pfeffer. Auch die Petersilie rühre ich unter. Nun entsteht eine sämige Sauce, die ich mit Peperoncino (scharf) abschmecke. In der Zwischenzeit kocht auch schon das Nudelwasser. Ich werfe die Stroncatura rein und warte. Die Pasta kocht tatsächlich 18 Minuten. Boah.

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Apropos: Mein Vater kennt das Rezept wohl nicht, was mir komisch vorkommt, denn ansonsten weiß er alles. Und mehr.  So schmeißt er zum Beispiel Pasta nicht in kochendes Wasser. Nein, er setzt sie kalt auf…..Als ich das sehe, schreie ich entsetzt aber: Er guckt nur verständnislos. Jemand der “richtig viel Ahnung hat”, hat ihm gesagt, dass das so geht. ich frage mich bis heute, wer so viel Ahnung hat. Keine Ahnung. Büffelmozzarella kommt eigentlich nicht aus Kampanien, denn die Büffel grasten in alter Zeit in ganz Kalabrien. Das gleiche gilt für die San Marzano-Tomaten. Vielleicht müssten die in Melicucca-Tomaten umbenannt werden. Ach ja und Wäsche, die wird wie folgt gewaschen: Alles zusammen in die Maschine. Bunt, schwarz, weiß, Wolle, Tischwäsche, Badetücher, Seidenblusen, Cordhosen. Programmschalter auf 50 Grad/Synthetik und gut. Ja. Ich habe nämlich gar keine Ahnung. Außerdem kommt überall Tomatenmark rein. Also natürlich nicht in die Waschmaschine, sondern ins Essen. In jedes Essen. Wegen der Farbgebung. Ja.

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Die Nudeln haben noch Biss. Ich gieße sie ab und gebe sie dann zum Sugo in die Pfanne. Das muss noch mal kurz durchziehen. Und was soll ich dir sagen: Arme-Leute-Essen mundet ganz vorzüglich. Ich sollte ein paar Wagenladungen Stroncatura importieren. Weihnachten kommt mein Vater. der soll schon mal was mitbringen. ich weiß nämlich jetzt auch (nicht von ihm) das die Stroncatura in Kalabrien ein typisches Gericht für den 24.Dezember ist. La Vigilia di Natale. Aber nein. Beim bloßen Gedanken daran, streikt der Herr Peppinello. Am Heiligabend gibt es Pasta con le Vongole. Immer. In Kampanien….oder kommt das Gericht vielleicht doch aus, du-weißt-schon-woher????

P.s. Stroncatura schmeckt auch dem Fräulein Peppinella, das die Sardellen unsichtbar mit der Soße schmelzen. (was für ein blöder Satz.)

So. Das war Kalafrika, eins die erste. Es kommt noch mehr.

28. November 2011

Der gemeine Heuschreckenkrebs - Spaghetti alle canocchie e pomodori, oder: Who the f*** is Peppinella?

Soll ich gleich mit dem Rezept anfangen, oder lieber noch eine Weile drum herum reden?

Gut. Ich fange mal so an: seit dem letzten Post habe ich natürlich gekocht, denn sonst wären alle Peppinellis verhungert. Im Internet war ich schon unterwegs, wenn auch nicht häufig. Mein Zeitkonto sieht momentan wieder ganz annehmbar aus, und Lust habe ich auch. Zu posten, meine ich natürlich (Jesses…). Gestern stöberte ich dann hier und da rum. Bei einem meiner Lieblingsblogger ever, hatte sich das Layout ein wenig verändert. Unter Blogroll steht da jetzt keine Liste, sondern nur “klick”.  Klick mal, hab ich auch gemacht. Und dann kommt eine Blogroll, die soooooooooo lang ist. Er hat sich dann auch noch die Mühe gemacht, zu jedem Blog was zu schreiben, der Gute. Ich scrolle runter. P. Aha. Peppinella. Da steht dahinter: Cara Peppinella, mi senti ? hörst Du mich?

Ja. Ich hör dich Robert. Bin hier. Schöne Grüße vom Herrn Peppinello. Er lebt noch, soll ich sagen. Und ist immer noch mit mir verheiratet. Alles gut.

Von mir auch schöne Grüße. Er lebt noch, manchmal bin ich allerdings kurz davor ihn zu erdolchen. Und wäre dann Witwe, und nicht mehr verheiratet. Alles gut.

Nun zum Heuschreckenkrebs.

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In Italien heißt der canocchia oder auch cicala, und ich habe ihn bis vor Kurzem hier in Deutschland noch nie irgendwo bekommen. Ich weiß auch jetzt schon, das die gesamte Bloggemeinde nun wieder aufseufzen wird. Jeder Foodblooger  kauft täglich irgendwo Heuschreckenkrebse, oder? Moment, ich guck mal nach. Google liefert mir 10 Ergebnisse, darunter Petra und natürlich Magdi. Hätt’ ich mir denken können.

Ok. Los. Zutaten für 4 Personen:

  • 1kg Heuschreckenkrebse (wird nach dem Säubern erheblich weniger)
  • 500g Kirschtomaten
  • 500g Spaghetti
  • etwas Olivenöl und Weißwein
  • Salz und Pfeffer
  • gehackte Zwiebel und Knoblauch
  • glatte Petersilie

Zuerst wasche ich die Canocchie kurz und gebe sie dann für eine Minute in kochendes Wasser. Sie lassen sich dann erheblich besser von ihrem Ganzkörperpanzer (nennt man das so) lösen. Wie ich das mache, erkläre ich dir hier in einem kurzen Filmchen, weil die Erklärung sonst so umständlich ist. Wie fast alles bei mir umständlich oder unverständlich ist…

Unter allen Umständen soll ich hier erwähnen, dass das Fräulein peppinella gefilmt hat. Also: Heuschreckenkrebs die Erste/Klappe/und Action:

Executive Producer: Fräulein Peppinella–all rights reserved….

Gesehen? Der Rest ist recht simpel. Aus den restlichen Zutaten koche ich einen Sugo mit frischen Tomaten, und setze schon mal das Nudelwasser auf. Kurz vor Ender der Kochzeit gebe ich die Krebse in die Tomatensauce und lasse sie ein wenig ziehen. zum Schluss noch die glatte Petersilie drauf und fertig.

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Ganz, ganz einfach und ganz ganz köstlich. Schmeckt ein wenig wie Hummer, ist aber etwas für den hohlen Zahn. der Großhandel (METRO, Standort etlicher Querelen und Zankereien, sowie fast immer wöchentlicher Scheidungsgrund der Eheleute Peppinelli) bestellt dir übrigens jederzeit Canocchie ab einem Kilo Abnahmemenge, weiß ich jetzt. Danke, Herr Daniel R. aus der Fischabteilung, du bekommst nochmal einen Ritterorden verliehen.

Und nun zu “who the f*** is peppinella”…….Mittlerweile gibt es so viel neue und auch tolle Blogs…da frag# ich mich echt, was ich hier eigentlich will. Was du willst, das denke ich mir. Rezepte? Neeeee. Weiß ich. Du willst wissen, was hier so los ist/war, oder? Soviel sei schon mal verraten: Pepppinellis waren in diesem Jahr schon zwei mal in Kalabrien. Bei meinem Vater. Den hab ich dir glaube ich hier einmal kurz vorgestellt. Ich werde dir davon erzählen. Demnächst. Kleine Vorschau: Er hält Silvio “bunga-bunga” Berlusconi für den besten italienischen Staatsmann nach Garibaldi. Er ist 77 Jahre alt und fährt mit seiner schrottreifen Karre im vierten Gang und Achtzig Sachen bei stockfinsterer Nacht die Serpentinen hoch. Er hat mir erklärt, dass Nudeln im kalten Wasser aufgesetzt werden. Er liest das hier hoffentlich nicht…..

So. Schön, mal wieder hier im Blog zu sein. Ciao.

15. März 2011